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04.12.2018

„Die Digitalisierung birgt große Potenziale, die Pflegearbeit zu entlasten“

Interview zu Herausforderungen in der Pflege mit Dr. Bodo de Vries, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Evangelischen Verbandes für Altenarbeit und Pflege e. V. (DEVAP)

Evangelische Verantwortung: Herr Dr. de Vries, die „Konzertierte Aktion Pflege“ der Bundesregierung ist im Sommer 2018 gestartet. Das Bundesministerium für Gesundheit, das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und das Bundesministerium für Arbeit und Soziales haben mit Blick auf die Pflege sogar einen gemeinsamen „Schwur“ abgelegt, um den bevorstehenden Kraftakt zu meistern. Welche zentralen Herausforderungen sind aus Ihrer Sicht mit Blick auf die Pflege zu meistern? Und welche Maßnahmen seitens der politisch Verantwortlichen vermissen Sie noch?

Dr. Bodo de Vries: Die zunehmende öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema lässt erkennen, dass die Frage nach fehlendem Pflegepersonal nunmehr in der Politik angekommen ist. Der DEVAP begrüßt dies - und wir werden jede Maßnahme unterstützen, die eine zielführende Gewinnung von Pflegekräften fördert und damit einer Bedarfslage des gesellschaftlichen und des demografischen Wandels entspricht. Sehr kritisch sehen wir jedoch einseitige Programme, die ausschließlich auf die Personalgewinnung in Krankenhäusern und in der stationären Versorgung alter Menschen zielen. Diese Maßnahmen gehen zu Lasten der ambulanten Pflege, was durch reduzierte Angebote in der häuslichen Versorgung einen „Heim-Sog“ erzeugt. Das ist nicht nur volkwirtschaftlich falsch, sondern entspricht auch nicht den Bedürfnissen alter Menschen.

EV: Der DEVAP setzt sich seit geraumer Zeit für eine nachhaltige Weiterentwicklung der Pflegeversicherung ein. Aus welcher Ursache und mit welchem Ziel?

de Vries: Punktuell haben die verschiedenen gesetzlichen Reformen der vergangenen Jahre sehr wesentliche Verbesserungen in der Pflege gebracht. Dabei standen bislang jedoch nicht so sehr die Pflegkräfte im Mittelpunkt, obwohl zugleich viele der Maßnahmen zu einer unerträglichen Arbeitsverdichtung geführt haben. Auch die Perspektive der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist allerdings ein zentrales Anliegen unserer Verbandsarbeit und zielt letztlich auf weitere grundsätzliche Fragestellungen, die dringend in den politischen Raum und in die gesellschaftliche Diskussion gehören. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass eine steigende Anzahl hilfs- und pflegebedürftiger alter Menschen einer sinkenden Zahl von Pflegekräften gegenübersteht und dass bei einem zunehmenden Anteil nicht durch die Pflegekasse finanzierte Kosten zur Abhängigkeit von ergänzenden staatlichen Mitteln und zur Altersarmut führen. Die Systemfrage zu gesellschaftlichen Solidaritäten in diesem Handlungsbereich bringt der DEVAP mit der Forderung nach einer „echten Pflegeteilkaskoversicherung“ und dem dabei angestrebten „Sockel-Spitze-Tausch“ auf den Punkt.

EV: Das klingt nach einem umfassenden Vorhaben. Wie sehen die Vorstellungen des DEVAP mit Blick auf diesen „Sockel-Spitze-Tausch“ konkret aus?

de Vries: Im Zuge des so genannten „Sockel-Spitze-Tauschs“ in der Pflegeversicherung hätten pflegebedürftige Versicherte lediglich einen fest definierten Kosteneigenanteil, einen „Sockel“, zu tragen. Dieser Selbstkostenanteil kann politisch festgelegt werden, könnte den durchschnittlichen heutigen Kosten für Pflegebedürftige entsprechen oder - je nach Festlegung - die heutigen Kosten reduzieren. Alle über diese Selbstkostenanteile des Pflegebedürftigen hinausgehenden Aufwendungen und gegebenenfalls mit steigendem Pflegebedarf auch steigende Kosten, also die „Spitze“, wären dagegen von der Pflegeversicherung zu übernehmen. Diese hätte dann auch tatsächlich das Pflegerisiko zu tragen - anders als gegenwärtig! Das Ergebnis wäre eine spürbare Entlastung sehr vieler Menschen, die derzeit aufgrund steigender Eigenanteile bei Pflegebedürftigkeit von Armut bedroht sind.

EV: Wie zuversichtlich sind Sie, dass es gelingen wird, die DEVAP-Vorstellungen zur Pflegeversicherung umzusetzen?

de Vries: Letztlich geht es ja nicht um unsere Vorstellungen. Wir haben einige Merkmale möglicher Reformansätze aufgezeigt und verdeutlicht, die man weiterentwickeln oder auf andere Weise ausgestalten kann. Ich sehe auch niemanden in verantwortlicher Position in der Politik, der den Handlungsbedarf nicht erkannt hätte. Eines ist sehr deutlich: Sowohl die steigende Verarmung Pflegebedürftiger und die dadurch auch entstehende finanzielle Belastung für die Kommunen wird politisches Handeln zeitnah notwendig machen. Das gilt übrigens auch mit Blick auf das leider nicht geborene Potenzial an Pflegekräften, das wir schon im Jahr 2030 in der deutschen Altenpflege benötigen. Gerade im mit Blick auf diese Herausforderung müssen wir über subsidiarische und solidarische Voraussetzungen des Helfens und des Pflegens alter Menschen als einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe ins Gespräch kommen.

EV: Dazu eine Frage mit Blick auf die Zukunft im pflegerischen Alltag: Die grundlegend reformierte, generalistische Pflegeausbildung wird im Januar 2020 starten. Wie steht der DEVAP dazu? Und wird die neue Ausbildung zielführend sein, um mehr junge Menschen für die Pflege zu begeistern?

de Vries: Ich weiß, dass die politisch Verantwortlichen mit der generalistischen Ausbildung die Hoffnung einer gesteigerten Attraktivität des Pflegeberufs verbinden, ganz klar. Ich selbst war viele Jahre im Bereich der Qualifizierung von Pflegekräften tätig und habe die letzten 20 Jahre die aufgeworfenen Fragestellungen eingehend beobachten können. Die neuen gesetzlichen Maßnahmen allein werden uns sicherlich keine zusätzliche Auszubildenden bringen. Das sehe ich entsprechend auch sehr kritisch. Chancen sehe ich in einigen Merkmalen, die im Pflegeberufegesetz angelegt sind und die auf eine eigenständige Pflege zielen, die mit eigener Diagnostik und neuer Selbständigkeit ein neues Profil entwickeln könnte und die sich zugleich von anderen Hilfeberufen und der Medizin emanzipiert. Das kann mit Blick auf die Zukunft wegweisend sein.

EV: Zuletzt ist im politischen Berlin wiederholt auch über den Zuzug ausländischer Pflegekräfte nachgedacht worden, um der akuten Personalnot in der Pflege wirksam begegnen zu können. Wie schätzen Sie die Chancen und Herausforderungen für die Pflege in dieser Hinsicht ein?

de Vries: Ich kenne, ehrlich gesagt, in diesem Zusammenhang keine Erfolgsgeschichten und kann eine gewisse Skepsis daher nicht verbergen. Grundsätzlich ist dennoch klar: Wir stehen vor einer so umfassenden Herausforderung, dass wir es uns gar nicht leisten können, nicht auch im Ausland Pflegekräfte und Auszubildende für die Altenpflege bei uns in Deutschland zu akquirieren und auch diese Möglichkeit auf ihre positiven Wirkungen hin zu bewerten.

EV: Die Diskussion um die Pflege wird auch von der Frage nach einem allgemeinverbindlichen Tarifvertrag für die Pflegebranche begleitet. Wie stehen Sie zu dieser Forderung?

de Vries: Die Ziele dieser Reformbestrebungen weisen auf Defizite hin, die sich in der Diakonie nicht belegen lassen. Unsere Tarife sind deutlich jenseits der im politischen Raum diskutierten „Dumpingpreise“ angelegt. Unsere Mitarbeitenden und wir Träger könnten hier etwas verlieren, was in unseren Häusern seit Jahrzehnten zu den Garantien gehört, die für unsere Arbeitsverhältnisse kennzeichnend sind. Jede Angleichung, die sich beispielsweise nicht an der Spitze der Tarife orientiert, könnte hier ein Nachteil bedeuten. Deshalb sind diese Reformbestrebungen mit umfassenden Risiken behaftet - für unsere Mitarbeitenden und auch für uns als Träger.

EV: Die Digitalisierung ist zu einer besonders wichtigen und umfassenden Herausforderung für viele politische und für viele gesellschaftliche Bereiche geworden. Vor welchen Aufgaben steht die Pflege mit Blick auf die Digitalisierung? Und wie sieht die Pflege in 20 Jahren aus?

de Vries: Klar ist: Die Digitalisierung birgt große Potenziale, die Pflegearbeit zu entlasten, Stützungsprozesse in der Pflege, etwa in der Hauswirtschaft und in der Gastronomie, zu verbessern und sie wird daher Akzeptanz bei orientierten Pflegebedürftigen zu finden. Auch wenn es sich zynisch anhört: Mein Blick in die Zukunft zielt jedoch eher auf die Integration freigesetzter Mitarbeitender der industriellen Branchen, die ihre Arbeitsplätze durch digitalisierte Prozesse einbüßen und in der Pflege benötigt werden, bevor ich empathisch zugewandte Pflegeroboter in den Wohnbereichen der Altenheime für möglich halte.

EV: Herr Dr. de Vries, herzlichen Dank für das Gespräch!

de Vries: Gerne, ich danke meinerseits!

Der Deutsche Evangelische Verband für Altenarbeit und Pflege e. V. (DEVAP) setzt sich seit mehr als 80 Jahren für die Belange der Pflege und der Altenhilfe in ganz Deutschland ein. Der DEVAP vertritt als Mitglied und im Verbund der Diakonie gegenwärtig ca. 1.950 stationäre Einrichtungen der Altenhilfe mit ca. 176.000 Plätzen und mehr als 1.400 ambulante gesundheits- und sozialpflegerische Dienste. Zudem sind knapp 100 Altenpflegeschulen mit ca. 5.600 Ausbildungsplätzen und Einrichtungen der gemeinwesenorientierten Altenarbeit im Verband organisiert. - www.DEVAP.info

Dr. Bodo de Vries ist ehrenamtlich Vorstandsvorsitzender des Deutschen Evangelischen Verbandes für Altenarbeit und Pflege e. V. und beruflich stellvertretender Vorsitzender des Vorstands und der Geschäftsführung des Evangelischen Johanneswerks in Bielefeld